Frauenanteil im Landtag von Sachsen-Anhalt erreicht historischen Tiefstand
Der neue Landtag von Sachsen-Anhalt verzeichnet mit einem Frauenanteil von lediglich 22 Prozent den niedrigsten Wert in Deutschland. Von insgesamt 83 Abgeordneten sind nur 18 Frauen, während 65 Männer dem Parlament angehören. Diese Entwicklung steht im krassen Gegensatz zu dem Anteil von über 50 Prozent Frauen in der Bevölkerung.
Repräsentationslücke und ihre Folgen
Die Landesgleichstellungsbeauftragte Sarah Schulze äußerte sich besorgt über die sinkende Anzahl weiblicher Abgeordneter und sprach von einer Repräsentationslücke. Sie warnte, dass wichtige Themen wie der Schutz von Frauen vor Gewalt, die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf sowie die wirtschaftliche Absicherung von Frauen in der neuen Legislaturperiode möglicherweise weniger Beachtung finden werden.
„Der Schutz von Frauen vor Gewalt, die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf, die eigenständige wirtschaftliche Absicherung von Frauen oder eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung könnten weniger Gewicht bekommen“, sagte Sarah Schulze.
Expertise und Sichtweisen von Frauen fehlen
Die Geschäftsführerin des Landesfrauenrates, Friederike Ewald, teilt diese Befürchtung und sieht in der Quote von 22 Prozent ein alarmierendes Signal. Sie betonte, dass Frauen eine besondere Expertise und unterschiedliche Lebenserfahrungen in die politische Selbstvertretung einbringen, die nicht durch männliche Abgeordnete adäquat repräsentiert werden können.
„Frauen bringen eine ganz besondere Expertise, ihre eigenen Lebenserfahrungen, auch unterschiedliche Lebenserfahrungen ein. Und diese sind in der Selbstvertretung einfach anders gelagert, als wenn Männer für uns sprechen. Das genügt einfach nicht“, erklärte Ewald.
Politische Unterstützung und Sichtbarkeit von Frauen
Die Linken-Abgeordnete Eva von Angern äußerte ebenfalls Besorgnis über die Zukunft der Frauenförderung und die Unterstützung für Frauenhäuser sowie Frauenzentren. Sie forderte eine verstärkte Aufmerksamkeit von Bund und Kommunen für die Belange von Frauen in Sachsen-Anhalt.
„Was ich als Linke auf keinen Fall akzeptieren werde, ist, dass Frauen hier in Sachsen-Anhalt unsichtbar gemacht werden“, so von Angern.
Die Auswirkungen auf das politische Klima
Susann Sziborra-Seidlitz von den Grünen wies auf die potenziellen Veränderungen im politischen Klima hin, die durch einen höheren Männeranteil, insbesondere von der AfD, entstehen könnten. Sie warnte vor einer aggressiven Stimmung, die insbesondere neuen Parlamentarierinnen Schwierigkeiten bereiten könnte.
Forderung nach paritätischer Besetzung
Der Landesfrauenrat fordert seit langem eine paritätische Besetzung der Listen bei Wahlen, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu gewährleisten. Diese Forderung ist in anderen Bundesländern jedoch vor Gericht gescheitert.
Positionen der Parteien zur Geschlechterverteilung
Die Parteien in Sachsen-Anhalt entscheiden selbst über die Geschlechterverteilung auf ihren Listen. Während SPD, Grüne und Linke eine abwechselnde Besetzung von Männern und Frauen praktizieren, gilt bei der CDU das Regionalprinzip, was zu einer Fraktion von 13 Männern und nur zwei Frauen führt. Eine der beiden Frauen, Karin Tschernich-Weiske, äußerte sich zu dieser Thematik.
„Wenn wir einen Bevölkerungsanteil von 51 Prozent Frauen in Sachsen-Anhalt haben, dann wäre es schon schön, wenn man sich da wiederfinden könnte. Also ich bin nicht für starre Quoten. Es kommt doch hier nur auf das Können an und nicht auf das Geschlecht“, sagte Tschernich-Weiske.
Gesellschaftliche Relevanz und emotionale Effekte
Der Politikwissenschaftler Nicolas Spohn von der Universität Magdeburg betonte, dass die AfD und die CDU zusammen mehr als 60 Prozent der Stimmen im neuen Parlament erhalten haben. Dies führe dazu, dass konservative Interessen stärker vertreten sind als progressive. Spohn warnte auch vor den emotionalen Auswirkungen eines geringen Frauenanteils im Parlament, da dies das Gefühl bei Frauen verstärken könnte, dass ihre Interessen nicht ausreichend vertreten werden.
„Mit einer Quote von knapp 22 Prozent könnte das Gefühl bei Frauen entstehen, dass die Politik sie nicht vertritt. Das könnte dazu führen, dass sich Frauen weniger mit Politik beschäftigen und sich weniger engagieren“, so Spohn.
Die Diskussion über den Frauenanteil im Landtag von Sachsen-Anhalt wirft somit grundlegende Fragen zur Repräsentation und zur politischen Teilhabe von Frauen auf.
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Quellen: MDR
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